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Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen

von
W. G. Sebald

Aus Büchern, die ein jahrzehntelanges lesendes Leben definieren, genau dasjenige auszusuchen, das man als „Lieblingsbuch“ bezeichnen möchte, erscheint eine schiere Unmöglichkeit. Und dennoch ist für mich W. G. Sebalds? „Die Ausgewanderten“, erschienen 1992, genau dieses Buch. Wie ich auf diesen Autor stieß, kann ich nicht mehr sagen. Er wird seit den 90er-Jahren – und seltsamerweise heute immer noch – als Insidertipp gehandelt, obwohl seine Bücher natürlich ins Englische und Französische, aber inzwischen auch ins Estnische, Griechische, Katalanische, Polnische, Serbische und Slowenische übersetzt wurden. Ebenso wenig kann ich sagen, warum ich zu der wenig besuchten Lesung Sebalds im Literaturhaus München? ging, in der er – kurz vor seinem Tod – aus „Austerlitz“ vortrug.

Es war ein Gefühl, so wie auch das Buch „Die Ausgewanderten“ ein Gefühl ist, das sich wie ein Gewand um einen legt, das die Melancholie des Lesens hervorruft, aber auch vor ihr schützt. Da entstehen Figuren: die des Arztes Dr. Henry Selwyn, der als Kind aus Litauen ausgewiesen wird und erst im hohen Alter daran zerbricht; die von Ambros Adelwarth, der als Begleiter eines Adligen Karriere macht und sich am Ende seines Lebens selbst in eine Nervenklinik einweist, vielleicht, um sich seine Erinnerung durch eine Elektroschock-Therapie nehmen zu lassen; und die Figur des in Manchester gestrandeten Malers Max Aurach, der seine Bilder zerstört oder so lange übermalt, bis sie zahlreiche Farbschichten tragen und die manchmal schmerzhaft in die Gegenwart ragende Erinnerung wieder auslöschen.

Das Thema „Erinnerung“ bildet also das Zentrum dieser Geschichten – wie sie fortwährend in unser Tun eingreift und es bestimmt oder Jahrzehnte schläft, um dann umso erbarmungsloser die letzten Takte auf unserem Weg zu spielen. Wunderbar die letzten Seiten des Buches, in denen Sebald? das „Midland“, ein riesiges viktorianisches Hotel in Manchester, beschreibt, dann Opern zu vernehmen glaubt und schließlich Bilder aus dem Ghetto Litzmannstadt imaginiert. Und das alles in einer Sprache, über die Nicholas Boyle?, Germanistikprofessor? in Cambridge, in seinem Buch "German Literature" schreibt: "... sentences which (...) could have been written by Goethe". Und gibt es nicht vielleicht auch in Sebalds Titelwahl? „Die Ausgewanderten“ einen Verweis auf Goethes Erzählungssammlung „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ von 1795?

Im Dezember 2001 starb W.G. Sebald bei einem Autounfall in England, wohl infolge eines Herzinfarktes. Geblieben sind nur wenige wunderbare Bücher von ihm, darunter seine Meisterleistung „Austerlitz“; geblieben ist auch die Frage, was Max, wie er sich gerne nannte, noch alles hätte schreiben können.

Autor: Reinhard Grüner

Literaturangaben

  • Sebald, W. G.: Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 13. Aufl. 2002. 354 S., 9,95 €, ISBN: 978-3596120567


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